By Peter Schöttler

Dass Historiker ihren Beruf heute anders begreifen als vor hundert Jahren, verdanken sie nicht zuletzt einem wissenschaftlichen Paradigmenwechsel, der mit dem Namen »Annales« verbunden ist. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese 1929 von Marc Bloch und Lucien Febvre gegründete Zeitschrift zum Inbegriff einer nonkonformistischen, interdisziplinären Geschichtsschreibung. Darin warfare nicht mehr von großen Männern, Kriegen und Diplomatie die Rede, sondern von ökonomischen Interessen und sozialen Klassen, von technologischen Entwicklungen und Mentalitäten. Mit dem Erfolg der »Annales« entstand allerdings auch ein Mythos, den es zu historisieren gilt. Dabei kommt dem Verhältnis der »Annales« zu Deutschland und zur deutschen Geschichtsschreibung eine zentrale Bedeutung zu. Denn zum einen galt die deutsche Geschichtswissenschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts als führend, zum anderen haben sich Bloch, Febvre und die anderen »Annales«-Historiker mit keiner anderen Historiographie so intensiv auseinandergesetzt, wobei sie immer wieder betonten, dass guy angesichts von Weltkrieg und »Pangermanismus« nicht nur »von Deutschland lernen«, sondern auch »verlernen« müsse. Diesen schwierigen, konfliktuellen Beziehungen und Verflechtungen zwischen französischen und deutschen Historikern, vor allem in den Zwischenkriegsjahren und während der NS-Zeit, spürt der deutsch-französische Historiker Peter Schöttler in diesem Buch nach.
Für den vorliegenden Band wurden Beiträge aus etwa fünfundzwanzig Jahren zusammengestellt, gegebenenfalls übersetzt und überarbeitet.

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Translation and prologue by way of Carlos Pereyra

The demon’s brood : the Plantagenet dynasty that forged the English nation

The Plantagenets reigned over England longer than the other kinfolk - from Henry II, to Richard III. 4 kings have been murdered, got here with regards to deposition and one other was once killed in a conflict via rebels. Shakespeare wrote performs approximately six of them, extra entrenching them within the nationwide Myth.

Based on significant modern resources and up to date learn, acclaimed historian Desmond Seward offers the 1st readable review of the entire outstanding dynasty, in a single quantity.

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Die konservative Historikermehrheit war an »revolutionären« Gedanken, wie sie Braudel ankündigte, nicht interessiert. Auch wenn einzelne, wie Justus Hashagen, selbstkritisch einräumten, »wie wenig sie durchweg von den Spitzenleistungen der französischen Historiographie und Methodenlehre und von ihren Schöpfern wissen«19, sorgten führende Vertreter der Zunft alsbald für eine Abschottung gegenüber der neuen Häresie. Vor allem Gerhard Ritter, der Vorsitzende des Historikerverbandes, machte aus seiner Ablehnung der AnnalesHistorie, die er für eine Variante des »historischen Materialismus« hielt, kein Hehl.

Als ob sich Missverständnisse und Klischees im Laufe der Jahrzehnte als eine Art Rezeptionsschutt angehäuft hätten, den es immer wieder abzutragen gälte. Daher ist es sinnvoll, einen Blick zurückzuwerfen und die Geschichte der (west‑) deutschen Annales-Rezeption wenigstens skizzenhaft noch einmal zu betrachten. Anschließend wird dann zu fragen sein, warum diese Geschichte so belastet war und warum die Annales zeitweilig zum Schreckgespenst der deutschen Historikerzunft werden konnten. Rezeptionsphasen Vereinfachend lassen sich vier Rezeptionsphasen unterscheiden: (1) die Vorkriegsjahre, in denen die Annales und ihre Herausgeber zwar wahrgenommen wurden, aber eine völlig unbekannte Größe bildeten; (2) die frühen Nachkriegsjahre, in denen sie den westdeutschen Historikern als Bedrohung erschienen; (3) die sechziger und siebziger Jahre, als sie von einer kritischen Historikergeneration entdeckt, aber als methodisch und theoretisch unzulänglich verworfen wurden; und (4) die achtziger, neunziger und ›nuller‹ Jahre, in denen sie als intellektuelle Herausforderung allgemein akzeptiert wurden.

Fast alle wichtigen Bücher wurden jetzt zugänglich: 1990, mit einem Abstand von vierzig Jahren, konnte endlich auch Braudels Mittelmeer-Buch auf Deutsch erscheinen (Tab. 1). Allerdings wurden bei dieser Übersetzungswelle die Gründer der Annales selbst zunächst weitgehend ignoriert.  Jahrhundert: Die Religion des Rabelais, herauszubringen. Auch von Bloch wurde zunächst nur die schmale Apologie der Geschichte übersetzt (1974), noch dazu in einer schulpädagogischen Reihe. 36 Seit den achtziger Jahren wurden und werden die Annales nun in einem Ausmaß wahrgenommen und verarbeitet, das sich kaum noch überschauen lässt.

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Die ’Annales’-Historiker und die deutsche by Peter Schöttler
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